Früher wollte ich immer Sängerin oder Schauspielerin werden (oder einfach beides). Als ich etwas größer wurde und eine etwas realistischere Sicht auf meine Talente hatte, wollte ich gerne Journalistin werden. Wenn ich mir nun die Reaktionen auf das sagenumwobene Interview mit Katja Riemann angucke, möchte ich nichts von alledem mehr werden. Nachdem ich schon verschiedenes über die sogenannte Gesprächskarambolage, den „Eklat“ auf der Talk-Couch gelesen hatte, sah ich mir den Auftritt bei Youtube an. Auf Karambolage oder Eklat wartete ich vergebens. Ich sah ein Interview, das von einigen irritierten Reaktionen auf beiden Seiten abgesehen relativ ruhig verlief. Man kennt ja durchaus Ausschnitte aus Sendungen, in denen Gäste zum Gehen aufgefordert werden, das Studio verlassen, handgreiflich werden … So hätte ich mir einen „Eklat“ vorgestellt. Auch wenn ich zugebe, dass ich selbst ungern an der Stelle des Moderators gewesen wäre, weil mir Katja Riemann nicht wie die einfachste Gesprächspartnerin erscheint, so kann ich gerade ihre Reaktion auf das Video über ihren Heimatort verstehen. Beziehungsweise sie erklärt sich ja selber: Sie sei ein Mensch, der sich in manchen Situationen schnell schäme, deshalb sei es ihr peinlich, dass ein solch intimes Video gezeigt werde. Und „intim“ scheint mir die passende Bezeichnung zu sein; immerhin werden Kinderfotos von ihr gezeigt, das Haus und Zimmer, in denen sie aufgewachsen ist, verschiedene Menschen erzählen, wie sie sie als Kind erlebt haben. Alles sehr private Eindrücke, die in einem Video komprimiert werden. Natürlich hätte sie das Ganze auch freundlicher sagen oder einfach weglächeln können, aber da offenbar eine Grenze bei ihr überschritten wurde, halte ich es für menschlich, wenn man in dem Moment etwas irritiert und nicht mehr ganz gefasst ist. Ich kann auch das Argument „Wenn sie keine Lust auf die Sendung hat, soll sie halt nicht hingehen“ nicht ganz nachvollziehen. Ja, und wenn man mal keine Lust auf die Arbeit hat, geht man eben einfach nicht hin!
Diejenigen, die nun Riemanns Verhalten völlig in Ordnung finden, scheinen stattdessen den Moderator für untragbar zu halten. Er sei unprofessionell, unvorbereitet, könne keine Interviews führen. Auch das habe ich mir ganz anders vorgestellt, bevor ich das Video gesehen habe. Ich sehe einen Moderator, der sich im Vorfeld einen der Filme seines Gastes angesehen hat, über den er reden möchte, der Fragen zu verschiedenen Themen stellt, dabei meist lächelt und freundlich wirkt. Der das Thema wechselt, als er merkt, dass es beim Gast nicht so gut ankommt. Meiner Ansicht nach hätte er es schneller wechseln und weniger nachhaken können, warum das denn nun peinlich sei, er hätte sich gefreut etc. Aber das halte ich auch einfach für menschlich, er war eben auch etwas irritiert.
Insgesamt bin ich also überrascht (im negativen Sinne), dass DIESES Gespräch so viele Reaktionen und Diskussionen nach sich ziehen konnte. Und damit meine ich nicht die Resonanz der Medien direkt, sondern die der Kommentatoren auf Facebook etc., über deren „Shitstorms“ die Medien berichteten. Ein einzelner Mensch (oder vielleicht zwei Menschen) muss sich der öffentlichen Kritik unzähliger Leute aussetzen aufgrund eines kurzen Videos (und teilweise gibt es sehr kurz zusammengeschnittene Ausschnitte des Gesprächs bei Youtube), und gerade Leute mit „Hater“-Kommentaren fühlen sich ja anscheinend völlig berechtigt, auf diese Weise „Kritik“ zu üben. Da wird auch gerne das Totschlag-Argument „Wenn man sich so in der Öffentlichkeit zeigt, muss man damit rechnen.“ herangezogen.
Ich bin froh, dass es in meiner Kindheit noch kein Youtube gab. Wenn ich es nicht selbst getan hätte, hätten bestimmt Freunde oder Verwandte Videos und Fotos von mir hochgeladen und sie wären heute noch irgendwo zu finden und es hätte sich bestimmt der ein oder andere darüber lustig gemacht. Denn es sind ja nicht nur Promis, die so etwas erleben. Es gab schon diverse nicht-prominente, ganz durchschnittliche Personen, deren Videos oder Fotos mehr oder weniger absichtlich im Internet landeten und zu großer Berühmtheit gelangten. Was herablassende oder beleidigende Kommentare fast immer mit sich bringt.
So wird für mich die eigentlich so schöne und fortschrittliche (gefühlte) Freiheit im Internet ziemlich unschön. Früher konnte man höchstens Leserbriefe schreiben und hoffen, dass sie abgedruckt werden, dann aber wahrscheinlich noch gekürzt. Jetzt kann man zu allen Themen seine Meinung frei äußern, was ich beispielsweise bei der #aufschrei-Debatte beeindruckend und gut fand. Es gibt Stars, die im Internet entdeckt und berühmt werden, wie Justin Bieber. Aber wenn sich andererseits der Hass von Tausenden so schnell und öffentlich gegen einen Einzelnen wenden kann, finde ich das ziemlich rückschrittlich. Mit Kritik hat das schließlich nicht mehr viel zu tun. Anonymität führt zu aggressiverem Verhalten und weniger Rücksicht; das habe ich schon in der Fahrschule gelernt. Aber im Straßenverkehr bleiben Hass und Beleidigungen in den meisten Fällen wenigstens hinter der Windschutzscheibe.
Was Katja Riemann angeht, so hat das Interesse immerhin schnell wieder nachgelassen. Es wurden ja zwischenzeitlich ungültige Lottozahlen gezogen, ein neuer Grund zur Aufregung!



