Hass in Zeiten des Netzes

Früher wollte ich immer Sängerin oder Schauspielerin werden (oder einfach beides). Als ich etwas größer wurde und eine etwas realistischere Sicht auf meine Talente hatte, wollte ich gerne Journalistin werden. Wenn ich mir nun die Reaktionen auf das sagenumwobene Interview mit Katja Riemann angucke, möchte ich nichts von alledem mehr werden. Nachdem ich schon verschiedenes über die sogenannte Gesprächskarambolage, den „Eklat“ auf der Talk-Couch gelesen hatte, sah ich mir den Auftritt bei Youtube an. Auf Karambolage oder Eklat wartete ich vergebens. Ich sah ein Interview, das von einigen irritierten Reaktionen auf beiden Seiten abgesehen relativ ruhig verlief. Man kennt ja durchaus Ausschnitte aus Sendungen, in denen Gäste zum Gehen aufgefordert werden, das Studio verlassen, handgreiflich werden … So hätte ich mir einen „Eklat“ vorgestellt. Auch wenn ich zugebe, dass ich selbst ungern an der Stelle des Moderators gewesen wäre, weil mir Katja Riemann nicht wie die einfachste Gesprächspartnerin erscheint, so kann ich gerade ihre Reaktion auf das Video über ihren Heimatort verstehen. Beziehungsweise sie erklärt sich ja selber: Sie sei ein Mensch, der sich in manchen Situationen schnell schäme, deshalb sei es ihr peinlich, dass ein solch intimes Video gezeigt werde. Und „intim“ scheint mir die passende Bezeichnung zu sein; immerhin werden Kinderfotos von ihr gezeigt, das Haus und Zimmer, in denen sie aufgewachsen ist, verschiedene Menschen erzählen, wie sie sie als Kind erlebt haben. Alles sehr private Eindrücke, die in einem Video komprimiert werden. Natürlich hätte sie das Ganze auch freundlicher sagen oder einfach weglächeln können, aber da offenbar eine Grenze bei ihr überschritten wurde, halte ich es für menschlich, wenn man in dem Moment etwas irritiert und nicht mehr ganz gefasst ist. Ich kann auch das Argument „Wenn sie keine Lust auf die Sendung hat, soll sie halt nicht hingehen“ nicht ganz nachvollziehen. Ja, und wenn man mal keine Lust auf die Arbeit hat, geht man eben einfach nicht hin!

Diejenigen, die nun Riemanns Verhalten völlig in Ordnung finden, scheinen stattdessen den Moderator für untragbar zu halten. Er sei unprofessionell, unvorbereitet, könne keine Interviews führen. Auch das habe ich mir ganz anders vorgestellt, bevor ich das Video gesehen habe. Ich sehe einen Moderator, der sich im Vorfeld einen der Filme seines Gastes angesehen hat, über den er reden möchte, der Fragen zu verschiedenen Themen stellt, dabei meist lächelt und freundlich wirkt. Der das Thema wechselt, als er merkt, dass es beim Gast nicht so gut ankommt. Meiner Ansicht nach hätte er es schneller wechseln und weniger nachhaken können, warum das denn nun peinlich sei, er hätte sich gefreut etc. Aber das halte ich auch einfach für menschlich, er war eben auch etwas irritiert.

Insgesamt bin ich also überrascht (im negativen Sinne), dass DIESES Gespräch so viele Reaktionen und Diskussionen nach sich ziehen konnte. Und damit meine ich nicht die Resonanz der Medien direkt, sondern die der Kommentatoren auf Facebook etc., über deren „Shitstorms“ die Medien berichteten. Ein einzelner Mensch (oder vielleicht zwei Menschen) muss sich der öffentlichen Kritik unzähliger Leute aussetzen aufgrund eines kurzen Videos (und teilweise gibt es sehr kurz zusammengeschnittene Ausschnitte des Gesprächs bei Youtube), und gerade Leute mit „Hater“-Kommentaren fühlen sich ja anscheinend völlig berechtigt, auf diese Weise „Kritik“ zu üben. Da wird auch gerne das Totschlag-Argument „Wenn man sich so in der Öffentlichkeit zeigt, muss man damit rechnen.“ herangezogen.

Ich bin froh, dass es in meiner Kindheit noch kein Youtube gab. Wenn ich es nicht selbst getan hätte, hätten bestimmt Freunde oder Verwandte Videos und Fotos von mir hochgeladen und sie wären heute noch irgendwo zu finden und es hätte sich bestimmt der ein oder andere darüber lustig gemacht. Denn es sind ja nicht nur Promis, die so etwas erleben. Es gab schon diverse nicht-prominente, ganz durchschnittliche Personen, deren Videos oder Fotos mehr oder weniger absichtlich im Internet landeten und zu großer Berühmtheit gelangten. Was herablassende oder beleidigende Kommentare fast immer mit sich bringt.

So wird für mich die eigentlich so schöne und fortschrittliche (gefühlte) Freiheit im Internet ziemlich unschön. Früher konnte man höchstens Leserbriefe schreiben und hoffen, dass sie abgedruckt werden, dann aber wahrscheinlich noch gekürzt. Jetzt kann man zu allen Themen seine Meinung frei äußern, was ich beispielsweise bei der #aufschrei-Debatte beeindruckend und gut fand. Es gibt Stars, die im Internet entdeckt und berühmt werden, wie Justin Bieber. Aber wenn sich andererseits der Hass von Tausenden so schnell und öffentlich gegen einen Einzelnen wenden kann, finde ich das ziemlich rückschrittlich. Mit Kritik hat das schließlich nicht mehr viel zu tun. Anonymität führt zu aggressiverem Verhalten und weniger Rücksicht; das habe ich schon in der Fahrschule gelernt. Aber im Straßenverkehr bleiben Hass und Beleidigungen in den meisten Fällen wenigstens hinter der Windschutzscheibe.

Was Katja Riemann angeht, so hat das Interesse immerhin schnell wieder nachgelassen. Es wurden ja zwischenzeitlich ungültige Lottozahlen gezogen, ein neuer Grund zur Aufregung!

Düdüdümdidüm

Stell‘ dir vor, du wachst auf und hast kein Internet mehr! So ging es mir neulich morgens. Ich hätte zwar auch Bücher (für die Uni) oder Zeitschriften (zu meiner privaten Unterhaltung) zum Lesen dagehabt, wäre aber doch gerne online gegangen. Zu universitären Recherchezwecken und zu meinem Privatvergnügen. Es war das erste Mal, seit ich in dieser Wohnung wohne und eben diesen Internetanschluss habe, dass auf Dauer keine Verbindung hergestellt wurde. Ich klickte also das mit einem Warnschild versehene W-LAN-Symbol, das mir meine W-LAN-Verbindung als „Verbunden“ anzeigte. Klickte ich wiederum darauf, wurde ich informiert, dass ich (also, mein Laptop) mit dem Router, der aber nicht mit dem Internet verbunden ist. Es gab die Möglichkeit, „Probleme zu behandeln“. Hoffnungsvoll klickte ich darauf und nach einiger Zeit des Untersuchens schlug mir mein PC vor, den Router für kurze Zeit auszustecken und dann wieder anzuschließen. Das machte ich sogleich. Zweimal, weil nach dem ersten Mal nicht viel passierte. Nach dem zweiten auch nicht. Also klickte ich weiterführende Hilfe-Buttons auf meinem Bildschirm an. Nach einer Zeit des Ladens wurde mir mitgeteilt, dass leider keine Verbindung zum Internet bestehe und deshalb keine Online-Hilfe verfügbar sei, und die Offline-Hilfe wurde mir angezeigt. Sie half mir auch nicht weiter. Also blieb wohl nur, die Telekom direkt anzurufen. Dankbar, im Besitz eines Smartphones zu sein, mit dem ich weiterhin problemlos online gehen konnte, tippte ich „Telekom“ in die Suchmaske ein und entschied mich zwischen den Suchvorschlägen „Telekom Hotline“ und „Telekom Kundencenter“ für letzteren. Das klang irgendwie netter, persönlicher, hilfreicher. Über Hotlines hört man ja ständig Schlechtes. Auf der Website angekommen merkte ich aber leider schnell, dass ich hier falsch bin und keine Telefonnummer – man könnte fast sagen „Hotline“ – finden würde. Also suchte ich erneut nach selbiger und rief bei der Nummer an, die für „Festnetz, Internet, Entertain“ sein sollte.
„Düdüdümdidüm“ ertönte es gleich nach Wählen der Nummer und eine freundliche weibliche Computerstimme begrüßte mich.
„Bitte nennen Sie den Grund Ihres Anrufs, zum Beispiel ‚Störung‘ oder ‚Umzug‘ oder einen anderen Grund.“
„Störung?“ formulierte ich unsicher.
„Befindet sich die Störung an dem Anschluss, von dem Sie gerade anrufen?“
„Nein.“
„Bitte nennen Sie die Nummer des Anschlusses, an dem sich die Störung befindet. Bitte nennen Sie die komplette Rufnummer, mit Vorwahl.“
Haha. Unschlagfertig wie ich bin, fiel mir dazu nichts mehr ein und ich legte wieder auf. Ich fragte mich, an welcher Stelle ich das Gespräch in eine andere Richtung hätte lenken müssen, suchte meine Unterlagen zum Internetanschluss raus, um evtl. eine Nummer durchgeben zu können, und rief erneut an.
„Düdüdümdidüm! – (…) Bitte nennen Sie den Grund Ihres Anrufs, zum Beispiel ‚Störung‘ oder ‚Umzug‘ oder einen anderen Grund.“
„Keine Internetverbindung.“
„Befindet sich die Störung an dem Anschluss, von dem Sie gerade anrufen?“
Na, anrufen kann ich doch offensichtlich!
Als ich die Nummer nennen soll, nehme ich einfach eine Nummer, die mir wie die Identifikationsnummer oder so meiner Internetverbindung erscheint. Ich hab ja keine Ahnung! Wenn ich welche hätte, würde ich nicht die Hotline anrufen.
Die freundliche Computerstimme wiederholt die Nummer, macht aus dem A das darin vorkam, eine 8 (hat aber ansonsten alles richtig verstanden!) und bittet mich: „Nennen Sie die ganze Nummer, auch die Vorwahl.“
Ich lege wieder auf. Jetzt beschließe ich, die Sache anders anzugehen. Es wäre doch so schön, mit einem lebendigen Mitarbeiter sprechen zu können!
„Düdüdümdidüm! – (…) Bitte nennen Sie den Grund Ihres Anrufs, zum Beispiel ‚Störung‘ oder ‚Umzug‘ oder einen anderen Grund.“
„Internet.“
„Worum handelt es sich bei Ihrem Anliegen genau? Geht es um eine ‚Störung‘ etc. pp.?“
„Störung.“
„Befindet sich die Störung an dem Anschluss, von dem Sie gerade anrufen?“
„Ja.“ Ha!
„Unser System führt eine Vorprüfung auf Ihrer Leitung durch …“ blabla. Dann: „Die Verbindungen für Festnetz, Internet und Fernsehen in Ihrer Region funktionieren momentan nicht richtig. Wir arbeiten bereits intensiv an dem Problem.“ Das war doch mal eine Aussage. Es lag nicht an mir oder meiner Technik, es lag an der Telekom! Mehr Auskünfte hatte die Hotline nicht für mich, das Gespräch war beendet.
Nun blieb mir also nur, abzuwarten, bis das Problem in meiner Region endlich behoben werden konnte. Und das geschah immerhin schon nach ein paar Stunden. Welch ein Glück!

V vs. Staubsauger

Heute Nachmittag beschloss ich, meinen Staubsauger zu reinigen. Vorher habe ich noch gesaugt, weil ich das Gefühl hatte, dass es sich dann mehr lohnt. Wäre ja blöd, den frisch gesäuberten Staubsauger gleich danach wieder zu benutzen und zu füllen. Ich besitze so einen praktischen Staubsauger “ohne Saugkraftverlust”, der ganz ohne die umständlichen Staubsaugerbeutel auskommt. Da ich ihn selbstverständlich schon mehrmals gereinigt habe, habe ich diesmal gar nicht erst die Bedienungsanleitung rausgeholt, so schwer ist das nicht (obwohl das Thema Reinigung über fünf Unterkapitel geht, für die vielen verschiedenen Teile, die man auf verschiedene Weise reinigen kann). Das letzte Mal ist schon ziemlich lange her, weil ich es leider noch nie “schnell und unkompliziert” hinbekommen habe. Die Markierung “MAX” am Staubbehälter ist ohnehin nicht sehr aussagekräftig; der Staub fliegt im ganzen Gehäuse rum, selbst wenn noch nicht viel drin ist. Heute war es also so weit. Zuerst muss man den Staubbehälter leeren, dazu hält man ihn über einen Mülleimer (das habe ich hinterher extra nochmal nachgelesen!). Da soll dann laut Anleitung der Staub hinein”rieseln”. Bei mir rieselte nichts, größere klumpende Bröckchen plumpsten teils in den Mülleimer, teils daneben. Alles war durch Haare miteinander verbunden, so dass ich längere Zeit mit den Fingern darin rumnestelte, bis sich schließlich alles löste (ja, das ist so appetittlich, wie es sich anhört). Der Mülleimer war insofern zu klein, als sich unten am Behälter eine Klappe zur Seite hin öffnet, aus der ebenfalls Staub “rieselt”. In dieser Breite passt das nicht über einen Mülleimer, so dass zwangsläufig eine Menge daneben landet. Meine Vermutung, dass eine große Mülltonne gemeint ist, an der man die ganze Prozedur am besten mit Schutzkleidung erledigt, wurde durch einen Blick in die Anleitung nicht bestätigt.

Nach und nach nahm ich die weiteren Teile ab, friemelte mit den Fingern Staubklumpen und Haare raus, versaute den Boden und meine Hose und war froh über meinen Schnupfen, dank dem ich kaum merkte, wie mir der Staub in die Nase stieg. Die meisten Teile darf man nur mit einem trockenen Tuch abwischen, also fliegt der Staub durch die Gegend. Die Teile, die man auch nass reinigen kann, dürfen dafür danach erstmal etwa 24 Stunden trocknen. Da muss ich schon WOLLEN, dass so lange ein halber Staubsauger in meiner Wohnung steht und ich nicht saugen kann (was nach der Reinigungsprozedur in der Regel notwendig ist). Heute habe ich mit einem feuchten Tuch den Boden um den Mülleimer herum gewischt. Danach fiel mir ein, dass ich auch noch meinen kleinen Handstaubsauger entleeren könnte. Der war ursprünglich mal dazu gedacht, sowas wie Brotkrümel auf dem Tisch o. ä. wegzusaugen. Dank seiner geringen Saugleistung ist er aber doch nicht ganz so “praktisch” wie gedacht. Da muss man schon l a n g s a m über jeden Krümel einzeln saugen, damit er weggeht. Ich nahm also auch dieses Gerät auseinander, entleerte es über den Mülleimer, wunderte mich über die seltsame Konstruktion (auch hier keinerlei Sinn der “MAX”-Anzeige) und stellte fest, dass der Filter schon mit wenig Staub völlig zugekleistert ist, was womöglich die schwache Saugleistung erklärt. Ich steckte alle Teile wieder zusammen, um das Gerät wieder in die Station zu stellen. Dabei fiel dann nochmal schön die untere schwere Hälfte ab und machte eine Macke in den Boden, ohne dass ich es verhindern konnte.

Fürs erste habe ich genug von der Staubsaugerreinigung. Was soll an Staubsaugern ohne Beutel praktisch sein?? Die Hausfrau und Putzfanatikerin meines Vertrauens (Mama) erinnerte mich dran: Sie sind günstiger, weil man nicht ständig Beutel nachkaufen muss. Ach ja. Ich kann mir nur gerade kaum vorstellen, dass mich das so sehr stören würde mit den Beuteln. Immerhin gab sie zu, die Staubbehälterentleerung immer gleich an der Mülltonne vorm Haus vorzunehmen. Das ist bei mir leider nicht so einfach möglich wie bei ihr. Vielleicht habe ich einfach zu hohe Ansprüche an die Hausarbeit? :-D Oder an die Möglichkeiten der Technik?? Immerhin: Als ich mal in einer WG ganz ohne Staubsauger gewohnt habe, hätte ich mir manchmal sehr einen gewünscht. Insofern könnte es wohl schlimmer sein.

Les questions de la V: Wer ist eigentlich “man”?

Ich halte mich für einigermaßen tolerant. Jetzt nicht sooo tolerant, dass ich einfach so alles und jeden akzeptieren würde, gerade wenn er/sie/es völlig anders ist als ich und alles, was ich kenne. Aber doch so im Großen und Ganzen tolerant. Ich frage mich auch oft, ob meine Haltung zu diesem oder jenem zu sehr von Vorurteilen oder persönlichen Emotionen geprägt ist und ich sie vielleicht überdenken sollte. Und immerhin bin ich nicht pseudotolerant. Damit meine ich die Leute, die sich selbst für sehr tolerant halten, aber in Diskussionen meist nur ihre eigene Meinung akzeptieren und zu allem, was ihnen nicht in den Kram passt, sagen: „Da hört die Toleranz auf, das geht einfach GAR nicht!“ Diese Leute … naja, die mag ich nicht so, die kann ich quasi nicht so akzeptieren. Wobei ich sagen würde, dass ich sogar die irgendwie toleriere. Die können gerne so sein, ich wollte ja nur mal sagen, dass es die gibt. Kann man eh nicht ändern. Ich halte mich also für einigermaßen tolerant und frage mich doch immer wieder, wo ich die Grenzen des Akzeptablen eigentlich hernehme. Denn es gibt für mich einerseits die inakzeptablen Dinge, die ich einfach persönlich ganz blöd finde (z. B. Jeans in Stiefeln). Und dann gibt es da noch die inakzeptablen Dinge, deren Unzumutbarkeit meiner Ansicht nach in der Gesellschaft oder im menschlichen Bewusstsein verankert ist. Darum bin ich immer wieder erstaunt, wenn letztere Annahme widerlegt wird. Anscheinend schließe ich doch in viel mehr Situationen als ich selber denke von mir selbst auf andere. Wenn ich so drüber nachdenke, ist das nichts Neues, gewissermaßen hat Kant das schon erkannt (nicht dass ich Kant gelesen hätte, aber irgendwas muss ich ja gelernt und mir gemerkt haben im geisteswissenschaftlichen Studium!) und Kleist hat aufgrund dieser Erkenntnisse gar eine Krise gekriegt (also vielleicht besser nicht so viel drüber nachdenken?!). Jeder Mensch sieht die Welt auf seine eigene Weise. Na ja, aber trotzdem würde man doch meinen, dass es bestimmte Normen und Werte gibt, auf die sich eine bestimmte Gesellschaft festgelegt hat, deren Kenntnis und Akzeptanz man auch von anderen erwarten kann. „Man“. Ich gehe davon aus, dass meinem letzten Satz jeder, der ihn liest, zustimmt. Sonst hätte ich nicht „man“ geschrieben. Dieses kleine Wörtchen, das ständig in unserer Alltagssprache auftaucht, auch schon in manchen meiner Blogeinträge. Frauenzeitschriften machen gerne mit einem Augenzwinkern ein „frau“ draus, auch kleingeschrieben, um zu zeigen, dass sie jetzt wirklich ihre weibliche Leserschaft ansprechen.

„Man kann doch erwarten, dass sich jemand so und so verhält.“— „Das weiß man doch!“ — „Man sollte sich auch mal zusammenreißen können.“ – Das sind so Sätze, die mir im Alltag immer wieder begegnen und diese Vorstellung von „man“ festigen, die mich mit meinen Mitmenschen verbindet. Dann gibt es aber auch noch diese typischen Elternsprüche, wie: „Man kann doch nicht immer so lange schlafen!“ oder: „Wie kann man denn so lange im Badezimmer brauchen?!“ Da dient „man“ eher dazu, Unterschiede deutlich zu machen und die elterlichen Vorstellungen von „man“ in ganz konkreten Situationen durchzusetzen. Es ist also meist ein sehr vielseitiges, überhaupt nicht klar umrissenes Wort, wie die Vorstellung, die dahintersteht. Das merke ich am meisten, wenn ich selbst diejenige bin, die den Vorstellungen von anderen nicht entspricht. Wenn mich jemand entsetzt-vorwurfsvoll anguckt: „Sowas weiß man doch!“ oder ich unbemerkt einen Verhaltenskodex breche und zu hören kriege: „Das macht man nicht!“

Was ist denn nun mit den Leuten, die die Grenzen des Akzeptablen strapazieren und sich so verhalten, wie „man“ es aus meiner Sicht nicht tut? Muss ich die auch tolerieren, wenn ich ach so tolerant sein will, denn die haben vielleicht ihre Gründe, die für mich unergründlich sind? Eine andere Vorstellung von „man“? Oder kann ich mich ärgern oder wundern, wenn ich ihr Verhalten unangemessen oder einfach seltsam finde?

Vermassel’ it yourself

Letztens schickte mir eine Freundin den Link zu diesem Artikel. Es geht um den Do it yourself-”Wahn” im Internet, der einem suggeriert, dass man praktisch alles ganz einfach selber machen kann, was dann meistens doch nicht funktioniert. Denn wer in Blogs oder auf Youtube zeigt, erklärt und präsentiert, was er “ganz einfach” selbst gebaut, gebastelt, gekocht oder frisiert hat, hat das wahrscheinlich auch nicht zum ersten Mal gemacht und stellt zudem nur ein gelungenes Ergebnis online. Der Artikel enthält außerdem einen Link zu dem wundervollen Blog Pinterest Fail, der seitdem zu meinen Lesezeichen zählt. Denn gerade was Frisuren betrifft, kenne ich mich mit dem Problem nur zu gut aus! Immer wieder treiben mich die Versuche, eine “ganz einfache” Youtube-Frisur, die jeder “in 5 Minuten” hinkriegt, nachzumachen, zur Verzweiflung. Bei den strahlenden jungen Frauen mit ihren flinken Fingern sieht auch wirklich immer alles ganz einfach aus! Aber wenn ich es dann nachmachen will, fehlt mir meist mindestens eine Hand, meine Arme sind zu kurz und werden nach kurzer Zeit so kraftlos, dass ich nach den veranschlagten fünf Minuten sowieso wieder aufhören muss. Wenn ich es dennoch zu einem Ergebnis schaffe, hat das selten Ähnlichkeit mit denen der Videos, sondern ist eher ein lockeres, unsicheres Durcheinander mit abstehenden Haaren bzw. Strähnen, das ich außerhalb meines Badezimmers niemandem präsentieren möchte. Deshalb gibt es davon auch keine Fotos, die ich hier à la Pinterest Fail zeigen könnte (vielleicht mache ich ja welche beim nächsten Mal, ich gebe die Hoffnung schließlich nicht auf!).

Das Phänomen gibt es allerdings auch jenseits des Internets. Schon seit es Kochbücher mit ansprechenden Abbildungen der zuzubereitenden Speisen gibt, staunt der Laienkoch über eventuelle Abweichungen zwischen seinem Ergebnis und dem Foto im Kochbuch. Mir persönlich ist da besonders eine Latte-Macchiato-Torte in Erinnerung geblieben, die ich vor knapp zwei Jahren mit einer Freundin zubereitete. Wie gut, dass wir damals Fotos machten. Als hätten wir geahnt, dass sie mal zu was gut sind!

Hier zunächst das Bild aus dem Backbuch:

Original

Die Rose, die Schokoröllchen und das Latte Macchiato-Glas haben wir von Vornherein weggelassen. Gewisse Abweichungen waren also vorhersehbar …

Unsere Torte sah dann so aus:
"Eigenkreation"

Die Cremes hatten irgendwie nicht so die richtige Konsistenz und die Tortenböden nicht so die richtige Form …

Schichten

Bei genauem Hinsehen sah man aber sogar, dass es zwei verschiedene Cremes waren!

Und lecker war unsere Torte trotzdem! Schade, dass Haare nicht so gut schmecken …

Das Märchen vom dummen Praktikanten

Bei den Olympischen Spielen wird eine falsche Flagge gehisst? Da war wohl ein Praktikant am Werk. Eine telefonische Beratung verläuft völlig ergebnislos? Da hatte anscheinend der Praktikant Telefondienst. Ein Artikel scheint nicht ordentlich recherchiert zu sein? Das kann ja nur einer gemacht haben, der keine Ahnung davon hat. Also ein Praktikant.

Nachdem die Generation Praktikum in zahllosen Büchern, Reportagen und Berichten der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, muss sie nun anscheinend immer wieder dem Spott ebendieser Öffentlichkeit dienen. Den Eindruck kann man zumindest gewinnen, wenn man sich in den Online-Foren von Magazinen und Zeitungen umguckt. Geht es im Artikel um irgendetwas, das schief gelaufen ist, kommt irgendein Kommentator auf die Idee, dass da wahrscheinlich ein Praktikant dahinter steckt. Ist der Kommentator gleich mit dem Artikel selbst unzufrieden (und das kommt nicht selten vor, Kommentatoren wissen anscheinend am besten, wie man journalistisch arbeitet und welche Meldung in welche Zeitung gehört und welches Thema nun wirklich NIEMANDEN interessiert), wird also der Redaktionspraktikant beschuldigt.

Der Praktikant, der früher mal Opfer war, wird zum Dummen. Es scheint, als hätten Praktikanten keine Ausbildung, keine Erfahrung, keine Ahnung. Wenn einer Fehler macht, dann der Praktikant. Dabei wird übersehen, dass „Praktikanten“ meist nicht nur ein Praktikum machen, sondern mehrere, also durchaus einige Erfahrung haben können, nicht zuletzt auch aus Nebenjobs, dass sie studieren oder bereits fertig sind und dass sie meist keine andere Wahl haben als Praktika zu machen, für die sie nicht oder kaum bezahlt werden (Stichwort „Opfer“ …). Aber vor allem: Jeder braucht eine Einarbeitungszeit, egal ob Praktikant, Hilfskraft oder Festangestellter. Wie gut der Einstieg klappt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut Vorgesetzte oder erfahrene Kollegen erklären und helfen. Wenn wirklich mal etwas schief läuft, das mit mangelndem Wissen über das Unternehmen oder die Arbeitsabläufe zusammenhängt, findet es wahrscheinlich der Praktikant selbst am schlimmsten. Alle anderen Fehler können jedem passieren, denn – alte Wahrheit: Irren ist menschlich. Der Praktikant aber mit Sicherheit nicht dumm. Sonst hätte er den hart umkämpften Praktikumsplatz nämlich gar nicht bekommen.

“Manchmal ist ein Tag ein ganzes Leben”*

* – Das wusste auch schon Nena! ;) Lange bevor der Film gedreht wurde, um den es hier eigentlich geht ;)

In einer nicht näher bestimmten Zukunft, in der seltsamerweise keine Handys zu existieren scheinen, ist die Zeit zur Währung geworden. Schon lange gibt es kein Geld mehr, stattdessen sind die Menschen genetisch so verändert, dass ab ihrem 25. Lebensjahr auf ihrem Unterarm ihre verbleibende Lebenszeit abläuft: ein Jahr. Mit einem reichlich simplen Handgriff können sie sich gegenseitig Zeit geben und nehmen und so auch alles bezahlen. Wer noch über tausend Jahre ‚übrig‘ hat, kann sich viel leisten. Wer noch zehn Stunden hat, muss zusehen, wie er sich den nächsten Tag verdient.

So sieht die Welt aus in Andrew Niccols In Time. Die verschiedenen „Zeitzonen“ trennen nun die Wohlhabenden und die Armen.

Justin Timberlake spielt Will Salas, der sich in einem Ghetto mit dem sinnigen Namen Dayton jeden Tag aufs Neue sein Leben verdienen muss. Was nach einer Horrorvorstellung klingt, ist für Will, der so groß geworden ist, ganz normal. Nach einem wie üblich harten Arbeitstag begegnet Will einem mysteriösen Fremden, der ganz offensichtlich aus einer anderen Zeitzone kommt, einer wesentlich reicheren. Ihr kurzes und seltsames Zusammentreffen endet damit, dass Will von dem Fremden 500 Jahre geschenkt bekommt, die diesen das Leben kosten. Er hinterlässt Will das Geheimnis der ungleichen Zeitaufteilung: Die Reichen mit ihrem Reichtum sind schuld daran, dass die Armen zu wenig Zeit haben und ständig um ihr Leben bangen müssen. Will beschließt, gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Als Zuschauer braucht man eine Weile, um sich in diese andere Welt einzudenken. Ausdrücke wie „Zeit verschwenden“ oder „jemandem die Zeit stehlen“ bekommen eine ganz neue Bedeutung. Leben, Lebensqualität, Zeit und Vermögen sind plötzlich eng miteinander verbunden. Hat man sich an diese „Zeitrechnung“ gewöhnt, fallen die kleinen Details und Zusammenhänge auf, die sich Regisseur Andrew Niccol einfallen lassen hat und die teils zum Schmunzeln, teils zum Nachdenken sind. Eigentlich ist es heute gar nicht so anders, wird einem klar. Denn Zeit ist fast kostbarer als Geld. Wer kann es sich schon noch „leisten“, viel Freizeit zu haben, ständig Urlaub zu machen, dabei viel Geld auszugeben und dann auch noch entspannt zu bleiben und nicht über Zeit oder Geld nachzudenken? Wahrscheinlich sind wir alle ein bisschen wie Will, der mit seinen hektischen Bewegungen in der Zeitzone der Wohlhabenden sofort auffällt.

Auch das Problem der Ungerechtigkeit, das als Ausgangspunkt der Handlung dient, ist uns nicht fremd. Nur dass das Geld von Heute die Zeit vom fiktiven Morgen ist.

Was also bietet der Film außer einem Blick auf die bekannte Welt vor einem neuen Hintergrund? Hauptsächlich viel Action. Nicht lange, nachdem Will in der reichen Zeitzone angekommen ist, beginnen die Probleme: Einige Leute merken, dass er ein Fremder ist, ein Ordnungshüter hat es auf ihn abgesehen, er flieht und die Verfolgungsjagd beginnt.  Eine Verfolgungsjagd, die sich kaum von anderen Verfolgungsjagden unterscheidet. Als Actionfilm mag der Film also spannend sein, das Thema „Zeit als Währung“ ist aber leider schnell abgearbeitet, obwohl seine vielen Facetten im ganzen Film sicher noch viel mehr hergegeben hätten.